Die Verkehrswende jetzt anschieben!

(Fulda | 10. Juni 2021) Die Verkehrswende muss jetzt angeschoben werden, sowohl durch entschlossenes lokales Handeln in Fulda und Umgebung als auch bundesweit, indem ein sofortiges Moratorium beim Autobahnbau und -ausbau in Kraft tritt: Das war die zentrale Botschaft der beiden Demos, zu denen Verkehrswende Fulda (Regionalgruppe des VCD), der ADFC Fulda, Attac Fulda, Fridays for Future Fulda und der Radentscheid Fulda  als Teil eines bundesweiten Bündnisses für eine soziale und klimagerechte Mobilitätswende am vergangenen Wochenende zur Demo aufgerufen hatten.

Tag 1: Verkehrswende in Fulda jetzt anschieben!

Beginn des Fahrrad-Schiebedemo-Zuges mit dem handgemalten Transparent "Jetzt Verkehrswende anschieben" und Fridays-for-Future-Fahnen.

Rund 150 Teilnehmende wollen endlich eine Verkehrswende in Fulda anschieben

Auf der „Verkehrswende in Fulda jetzt anschieben!“-Demo am Samstag, auf dem rund 150 Teilnehmende ihre Fahrräder gut gelaunt bei strahlendem Sonnenschein durch Fulda schoben, herrschte Einigkeit, dass Fulda nicht nur einen kleinen Stupps, sondern einen kräftigen Schubser braucht, um bei der Mobilitätswende in die Gänge zu kommen. Durch fast alle Reden zog sich das Bewusstsein großer Dringlichkeit, dem die lokal Verantwortlichen nicht durch angemessenes Handeln gerecht werden. Für Stefanie Karl vom ADFC „bleibt angesichts Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen nicht mehr viel Zeit, das Ruder in puncto Klimaschutz noch herumzureißen.“ Dem Stillstand beim Radverkehr in der Innenstadt steht allerdings an anderer Stelle Bewegung „in die verkehrte Richtung“ entgegen, wie Stefanie Karl mit dem Beispiel des geplanten, vier Millionen Euro teuren Parkhauses am Rosenbad illustrierte, für das auch noch 600 Fahrradabstellplätze weichen müssen: „Da stimmt doch irgendetwas nicht.“

Dass die Stadt Fahrt in die richtige Richtung aufnimmt, stellte Josef Liebhart bei der Eröffnung der Demo auch den Radentscheid Fulda vor, der als Bürgerbegehren einen Bürgerentscheid für ein fahrradfreundliches Fulda herbeiführen will: „Wir brauchen nur etwas 1000 Stimmen, aber unser Ziel ist es, 10.000 zu sammeln!“ Neben einem zügigen und sicheren Radeln für alle –  und damit auch für Kinder und ältere Menschen – fordert der Radentscheid unter anderem Gleichberechtigung für den Fuß-, Rad- und Kraftverkehr, entschärfte Kreuzungen und hindernisfreie Fahrrad-City-Routen mit guten Sichtverhältnissen. Ein Auftakttreffen für den Radentscheid wird am 1. Juli stattfinden, das noch beworben wird und das je nach Pandemiesituation im Freien oder online stattfinden wird.

Der Traum von der autofreien Innenstadt

Doch auf der Fahrradschiebedemo ging es nicht nur ums Radfahren, sondern eine integrierte Mobilitätswende für die ganze Stadt. Nachdem Lukas Voigt auf der Abschlusskundgebung am Samstag einen flächendeckenden 15-Minuten-Takt für den Busverkehr in Fulda gefordert hatte, forderte Kira Bönisch von Fridays for Future Fulda von der Stadt Fulda ein, endlich auch durch ihre Handlungen Verantwortung für die Klimakrise zu übernehmen: „Durch einen Ausbau des ÖPNV und des Radwegenetzes. Und wenn ich noch ein bisschen träumen darf – Handlungen in Form einer autofreien Innenstadt. Handlungen in Form einer Stadt, in der niemand mehr auf ein Auto angewiesen sein muss!“

Tag 2: Autobahnbau stoppen: Umbau statt Neubau!

Wie schon die gerichtliche Auseinandersetzung im Vorfeld zeigte, war die Fahrraddemo „Autobahnbau stoppen: Umbau statt Neubau!“ über die A7 die kontroversere Aktion des Wochenendes. Der Landkreis hatte die Demoroute über die Autobahn nicht erlauben wollen, doch der zweite Senat des Verwaltungsgerichts Kassel hob das Verbot dann in der zweiten Instanz auf. Die Entscheidung bestätigte damit die Argumentation der Veranstalter, dass ein Protest gegen den weiteren Bau und Ausbau von Autobahnen, wie er mit der anvisierten Abfahrt bei Gersfeld auch für die A7 geplant ist, eben auch auf einer Autobahn stattfinden können muss – jedenfalls solange keine besonders große Behinderung des Verkehrs gegeben ist.

Über 300 Teilnehmende starteten an der Ochsenwiese; bis zur Autobahn waren es fast 400

Was ist radikal?

Die Demo in Fulda war dabei nur eine Aktion an einem bundesweiten Aktionswochenende mit vielen Aktionen für eine soziale und klimagerechte Mobilitätswende. „Lossetal/A44, Westersteede/A20, Schwerin/Magdeburg/A14, Dannenrod/A49, Gersfeld/A7“ – mit der Anrufung nur eines Teils der momentan geplanten Autobahnprojekte vergegenwärtigte Nora Hillebrand in ihrer Rede vor dem Start die Baustellen als „Orte der Zerstörung. Orte, an denen Bäume, Wälder oder Moore Asphalt weichen mussten oder noch müssen. Orte, an denen wertvolle Ökosysteme versiegelt, Menschen und Wasserschutzgebiete gefährdet und Versagen von Bund und Ländern deutlich geworden ist.“ Die mittlerweile laut werdende Kritik an der kurzzeitigen Sperrung der A7 vorwegnehmend, sprach Nora Hillebrand von der Notwendigkeit radikalen – auf die Wurzel gehenden – Widerstands, deutete aber an, dass es gar nicht radikal, sondern einfach nur angemessen ist, angesichts einer globalen Klimakrise, die bereits jetzt vielen Menschen ihre Lebensgrundlage entzieht, Bäume zu besetzen oder auf einer Autobahn Fahrrad zu fahren.

Dann ging es aufs Rad und los – erst die Magdeburger hoch und anschließend über die Abfahrt Fulda Mitte auf die A7. Trotz des den Veranstaltern verwehrten Kooperationsgesprächs im Vorfeld lief dabei alles wie am Schnürchen, da die Organisator:innen schon 2019 bei der #umdenken/umlenken-Demo nach Gelnhausen und der anschließenden #aussteigen-Demo mit tausenden Mitradelnden in Frankfurt ausreichend Erfahrung beim Planen und Absichern von Fahrraddemos gesammelt hatten. Nachdem der Demozug von annähernd 400 Radelnden über die Autobahn gesaust war, ging es über die Frankfurter Landstraße zum Umweltzentrum, wo die Teilnehmer vom Leiter des Umweltzentrums, Alexander Sust, der auf einem großen E-Lastenrad herbeigeradelt kam, gastfreundlich in Empfang genommen wurden.

Kein Gut gegen Böse

Beim Radeln auf der A7 hatte sich an den unterschiedlichen Reaktionen auf der Gegenfahrbahn gezeigt, wie das Thema polarisiert. Während die einen lächelnd winkten, war anderen Autofahrenden Wut oder Ärger über die Radfahrenden anzusehen. Genau auf diese Polarisierung ging Amata Schneider-Ludorff auf der Abschlusskundgebung ein, indem sie betonte, dass Mobilität keine Lebensstilfrage ist, die nach dem Schema „Hier die bösen Autofahrenden und da die guten Radler:innen – oder je nach Perspektive andersherum“ verhandelt werden kann, denn Mobilität ist ein Grundbedürfnis. Trotzdem sei es falsch, im Bereich der Mobilitätswende immer nur diplomatisch um den heißen Brei herumzureden, statt klar zu sagen, dass eine weitgehende Abkehr vom Auto nötig sei. Dass solche Aussagen bei Menschen, die in der Rhön oder im Vogelsberg leben, Angst erzeugen, ist verständlich – denn vielerorts können Menschen ohne Auto nicht mobil sein. Doch genau hier liege die Verantwortung nicht der einzelnen, sondern der Gemeinden und des Kreises, deren Aufgabe es ist, auch im ländlichen Raum endlich innovative Lösungen für einen attraktiven Nahverkehr für alle zu schaffen.

Es geht nicht um Gut gegen Böse, sondern um Mobilität für alle.

Zum Abschluss brachte Leonie Petersen, die im AStA der Hochschule Fulda für das Thema Nachhaltigkeit zuständig ist, die Perspektive von Studierenden ein, indem sie darauf aufmerksam machte, dass Studierende „nicht isoliert oder im luftleeren Raum“ leben: „Sie sind angewiesen auf eine gute Infrastruktur und eine Stadt, die sie mitdenkt.“ Dazu gehöre auch ein Mobilitätsmanagement, das nicht nur auf Autos zugeschnitten ist. Den Anwesenden gab Leonie Petersen mit: Bleibt kritisch, hinterfragt vorhandene Strukturen und Prozesse. Wenn ihr die Möglichkeit habt, organisiert euch kollektiv, nutzt Partizipationsmöglichkeiten, wo es sie bereits gibt, fordert Partizipation an Stellen, wo es sie noch nicht gibt. Veränderung ist nötig und möglich!“


Dieser Beitrag wurde unter ADFC, Aktionen, Radentscheid, Uncategorized, Verkehrswende Fulda abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.