Warum eine kaputte Zylinderkopf-Dichtung das Beste war, was mir 2016 passieren konnte

Von Thomas Rehm

Als mein Automechaniker im Frühjahr an meinem alten Opel-Corsa eine kaputte Zylinderkopf-Dichtung diagnostizierte, stand ich plötzlich ohne Auto da. So war ich gezwungen, die insgesamt 36 Kilometer zu meinem Arbeitsplatz mit dem Rad zu bewältigen.

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Manchmal kostet es Überwindung, sich früh morgens aufs Rad zu schwingen.

Deshalb kam mein gewohnter Tagesrhythmus total durcheinander. Dies bedeutete für mich konkret, morgens eine Stunde früher aufzustehen und mich dann auf den beschwerlichen Weg mit meist leichtem Anstieg und Gegenwind zu begeben. Völlig schweißdurchnässt und außer Atem erreichte ich meinen Arbeitsplatz nach etwas über einer Stunde. Die Rückfahrt verlief dann immer sehr entspannt, doch abends fiel ich stets schon um 20.30 Uhr todmüde ins Bett.

Gegenwind in klammer Dämmerung

Die Hemmschwelle, mich dann jeden Morgen in der klammen Dämmerung – vor allem bei starkem Gegenwind oder Regen – auf den beschwerlichen Weg zu machen, war enorm. Weil meine Arbeitskollegen wegen meines, milde ausgedrückt, sehr scharfen Schweißgeruchs sehr litten, war ich gezwungen, mich nach meiner Ankunft in der Firma komplett zu waschen und auch meine schweißtriefenden Klamotten zu wechseln. Doch peu à peu, nach schon 14 Tagen, verwandelte sich mein Leidensdruck in einen wahren Segen.

Bild eines Fahrrads beim Fahren; eine Hand am Lenker und ein Fuß auf der Pedale sind sichtbar.

Mit Radfahren sein Leben ändern.

Irgendwie war ich den ganzen Arbeitstag über beschwingter und energetischer als meine Kollegen, ohne wie diese immer wieder den Weg zum Kaffeeautomaten suchen zu müssen. Bei kleinen Tagestiefs griffen meine mitgebrachten grünen Smoothies viel direkter als früher. Extrem erfreulich war schon nach kurzer Zeit der allmorgendliche Blick auf meine Waage. Meine Rettungsringe, die ich schon seit Jahren erfolglos mit täglichem Yoga und mit vegetarischer Ernährung mit Tendenz zur veganen Rohkost bekämpfe, schmolzen tatsächlich endlich dahin wie Schnee in der Frühlingssonne!

Energie durch Radfahren

Nach knapp drei Monaten wiege ich nun statt 94 nur noch 86 kg, und ich genieße die 8 kg weniger vor allem bei körperlicher Arbeit, die ich viel fixer und lustvoller als früher verrichte. Wenn bei großer Hitze meine Kollegen auf dem Zahnfleisch gehen, wundere ich mich selbst über meine Leichtigkeit. Auch mein wirklich übler Schweißgeruch ist nun verschwunden, weil ich jetzt anscheinend entgiftet und entschlackt bin. Mit großer Genugtuung genieße ich meinen tiefen und freien Atem und meine robustere Konstitution. Die täglichen Radtouren durch die Natur sind jetzt die Höhepunkte des Tages geworden.

Oft muss ich  daran denken, wie mir meine Mutter in meiner Kindheit beim einschlafen etwas vorlas. An eine Episode aus einem Sachbuch über die Völker der Welt kann ich mich noch ganz besonders gut erinnern. Als die Sprache auf die Chinesen kam, sagte meine Mutter zu mir: „Und schau, Thomas. Die armen Chinesen haben keine tollen Autos wie wir und müssen alle mit dem Fahrrad fahren. Sei froh darüber, dass du nicht in China geboren worden bist!“

Jetzt auch ein „armer Chinese“

Beim letzten Weihnachtsfest in Kreise der wohlhabenderen Familie meines Bruders, fast allesamt Fahrer PS-starker Karossen, erzählte ich von meiner neuen Leidenschaft, dem täglichen Fahrradfahren auf größeren Distanzen, und dass sich seitdem meine Lebensqualität ganz erheblich verbessert hat.

Schatten eines Radfahrenden im Grünen.

Ein „armer Chinese“ im Einklang mit der Natur.

Ich schloss mit dem Satz, „Ich fühle mich jetzt pudelwohl, habe fast Idealgewicht, und ich ruhe jetzt viel mehr als früher in mir selbst – ganz wie die ‚armen, armen Chinesen‘ früher, die auch durch das Fahrradfahren bis ins hohe Alter gesund und leistungsfähig blieben.“ Beim Blick in die Runde kam ich mir wesentlich vitaler und zufriedener vor als die meisten meiner lieben Verwandten, obwohl ich im Gegensatz zu ihnen in unserem Land zu den Geringverdienern zähle.

Die tägliche Zeit auf meinem Fahrrad ist zu einer großen Quelle der Inspiration für mich geworden. Sorgen und Probleme verlieren ihre Eindringlichkeit, und oft eröffnen sich wie von selbst neue Lösungswege durch die reinigende und vitalisierende Konfrontation mit den Naturgewalten. Es wäre schön, wenn meine kleine Hommage an das regelmäßige Fahrradfahren andere Menschen inspiriert, für sich das Fortbewegungsmittel Fahrrad – auch aus ökologischen Gründen – neu zu entdecken und sich nicht von anfänglichen Widerständen entmutigen zu lassen!

 

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2 Antworten zu Warum eine kaputte Zylinderkopf-Dichtung das Beste war, was mir 2016 passieren konnte

  1. Anonymous schreibt:

    Toll, würde ich glatt auch machen, doch mein Weg zur Arbeit ist 2,5 Km :-/

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  2. Lotte schreibt:

    Hallo Thomas, das ist wirklich ein erfrischender, toll geschriebener Bericht aus deinem Leben. Danke! Liebe Grüße von Lotte

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