Schutzstreifen – oder Suggestivstreifen?

Fulda | 27. Aug. 2015. Wer viel mit dem Rad in Fulda unterwegs ist, kennt sie – die sogenannten Schutzstreifen. Bei den Fuldaer Planern sind sie offenbar sehr beliebt, denn bei der Neugestaltung von Straßen kamen sie in jüngster Zeit mehrfach zum Einsatz: so an der Magdeburger Straße, der Leipziger Straße oder Teilen der Heidelsteinstraße. Nach der Neugestaltung der Kurfürstenstraße zwischen Leipziger Straße und Heinrich-von-Bibra-Platz sollen Radelnde in Zukunft auch dort von Schutzstreifen, nun ja, geschützt werden.

Ein Auto parkt in einer Parkbucht direkt neben dem auf der Straße für Radfahrende abmarkierten Schutzstreifen.

Auf der Magdeburger wird zwar an Schutzstreifen nur streckenweise geparkt – aber auch wieder ohne Sicherheitsabstand zum für die Radelnden reservierten Fahrbahnteil.

Was sind eigentlich Schutzstreifen? Schutzstreifen werden mit einem unterbrochenen weißen Streifen und Fahrradsymbolen auf der Fahrbahn abmarkiert. Durch die Abgrenzung von der Fahrbahn für den Kraftverkehr entsteht – anders als beim Fahrradstreifen – keine eigene Sondernutzungsspur für Radelnde, sondern lediglich ein optischer Schonraum, der vom motorisierten Verkehr nur bei Bedarf, beispielsweise beim Einparken oder beim Einfahren in ein Grundstück, und nur unter Ausschließung einer Gefährdung der Radfahrenden überfahren werden darf. Parken auf Schutzstreifen ist nicht erlaubt.

Die Cheap-and-Dirty-Version des Radfahrstreifens

Dass Schutzstreifen statt Radfahrstreifen angelegt werden, hängt mit der für letztere in der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung vorgeschriebenen Mindestbreite von 1,50 Metern zusammen – wobei die Breite sogar möglichst 1,85 Meter und bei hohem Verkehrsaufkommen 2 Meter betragen soll. Da für Schutzstreifen geringere Mindestbreiten empfohlen werden und keine festen Regeln bestehen, sind sie daher sozusagen die Cheap-and-Dirty-Version des Radfahrstreifens. Gerade Schutzstreifen, die nicht einmal die Mindestanforderungen aus der neuesten Version der Empfehlungen für Radverkehrsanlagen entsprechen, verdienen daher eher den Namen Suggestivstreifen – denn sie suggerieren, dass sie Schutz bieten, leisten dies aber tatsächlich nicht.

Zwischen Lkw und parkendem Auto bleibt auf dem Schutzstreifen nur noch eine schmale Gasse.

Da kommt Freude auf: Selbst bei großzügigem Parken bieten die Schutzstreifen auf der Leipziger praktisch keinen Sicherheitsabstand.

Die Gefahren – und das für Radelnde durchaus adrenalinsteigernde Potential – von Schutzstreifen sind in Fulda besonders gut an der Leipziger Straße zu beobachten. Zum einen verringert sich durch die Schutzstreifen ganz banal der Abstand, den Kraftfahrzeuge beim Überholen einhalten, denn die Fahrzeuglenkenden fühlen sich berechtigt, direkt neben der gestrichelten Begrenzungslinie zu überholen. Bei mittig auf dem Schutzstreifen Radfahrenden führt dies dazu, dass der Abstand zum überholenden Auto weit unter dem Mindestüberholabstand von 1,50 Metern liegt.

Potentielle Beute sich öffnender Autotüren

Noch prekärer ist aber der fehlende Sicherheitsabstand zu den Längsparkständen, die an längeren Teilstrecken der Straße zu finden sind. Während unmittelbar an den Parkplätzen verlaufende Schutzstreifen beim Bergauffahren vielleicht noch hinzunehmen sind, da die Gefahr, einer sich plötzlich öffnenden Autotür nicht mehr ausweichen zu können, bei niedrigen Geschwindigkeiten eher gering ist, sieht dies stadteinwärts ganz anders aus. Da Radelnde hier beim Herunterfahren Geschwindigkeiten von 40-50 Stundenkilometern erreichen können, müssten sie eigentlich einen Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos halten – was sie dann aber zwingt, eigentlich bereits auf oder sogar links von der Begrenzungslinie des Schutzstreifens zu fahren.

Drei Radler fahren - von vorn fotografiert - hintereinander auf dem schmalen Schutstreifen auf der Leipziger Straße; links von ihnen sind parkende Autos zu sehen, rechts fahren Lkws vorbei.

Manche nennen Schutzstreifen Suggestivstreifen – denn „Schutz“ wird bei fehlendem Sicherheitsabstand zu den Parkplätzen und dem vorbeifahrenden Verkehr nur suggeriert.

Radelnde, die den Schutzstreifen aus Sicherheitsgründen beim Bergabfahren nicht nutzen, befinden sich allerdings möglicherweise in einer rechtlichen Grauzone. Es gibt zwar keine direkte Benutzungspflicht für Schutztreifen, aber indirekt besteht sie durch das Rechtsfahrgebot. Andererseits müssen Radelnde nur so weit rechts fahren, wie dies sicher möglich ist. Denkbar wäre aber auch die Argumentation, dass Radfahrende auf solchen Strecken dann eben durchweg langsam fahren müssen. Inwieweit und über welche Strecken hinweg dies zumutbar ist, sei dahingestellt.

Stand der Technik wird ignoriert

Die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen, die den Stand der Technik wiedergeben und insbesondere die Forschung zu Unfallrisiken berücksichtigen, sehen eine Mindestbreite von 1,25 Metern für Schutzstreifen vor – aber hinzu kommen noch mindestens 25, besser aber sogar 50 Zentimeter Sicherheitsabstand zu Längsparkständen. Ein solcher Sicherheitsabstand wurde auf der Leipziger Straße nicht realisiert, und bei zukünftigen Planungen wie in der Kurfürstenstraße und der Niesiger Straße fehlt er ebenfalls. Klar, die Breite der Straßen scheint eine optimale Lösung oft nicht herzugeben, wenn keine Bereitschaft besteht, auch einmal Flächen für den Kraftverkehr zu begrenzen. Doch wer sagt, dass das nicht geht – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Studie aus der Bundesanstalt für Straßenwesen zu Unfallrisiko und Regelakzeptanz von Fahrradfahrern, die feststellt, dass die Sicherheit von Radverkehrsanlagen ganz wesentlich mit der Einhaltung der Mindeststandards aus den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen zusammenhängt.

Gerade an der Leipziger Straße herrschen überdies Verhältnisse, die die Veröffentlichung der niedersächsischen Landesbehörde für Straßen und Verkehr  Schutzstreifen für den Radverkehr in Ortsdurchfahrten für die Anlage von eher schmalen Schutzstreifen als besonders problematisch einschätzt. So ergab eine Verkehrszählung von 2008 für die Leizpiger Straße über 1400 Schwerlastfahrzeuge pro Tag – und gerade breitere Fahrzeuge müssen oft in den Schutzstreifen ausweichen, um zu überholen. Daher widerspricht der Schutzstreifen auf der Leipziger Straße auch der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung, in der es heißt, dass Schutzstreifen nur markiert werden können, „wenn die Verkehrszusammensetzung eine Mitbenutzung des Schutzstreifens durch den Kraftfahrzeugverkehr nur in seltenen Fällen erfordert.“ Die Vorschrift fordert außerdem, dass Schutzstreifen so breit sein müssen, dass sie „einschließlich des Sicherheitsraumes einen hinreichenden Bewegungsraum für den Radfahrer bietet“ – was an Teilstrecken der Leipziger Straße ebenfalls nicht der Fall ist.

Markierungen fördern aggressives Anhupen und Anbrüllen

Ein besonders großer Traktor mit Anhänger befährt einen Teil des Schutzstreifens.

Bei hohem Aufkommen von Schwerlastverkehr und großen Fahrzeugen sollen Schutzstreifen eigentlich nicht angelegt werden.

Leider kommt noch ein weiteres Moment hinzu, das die Abmarkierung von Schutzstreifen gefährlich oder zumindest unangenehm werden lässt. Offenbar ist nämlich in Fulda eine größere Zahl von Autolenkenden unterwegs, die der Ansicht sind, Schutzstreifen dürften von Radfahrenden nicht verlassen werden – und zwar nicht einmal zum Linksabbiegen. Wer weit links auf dem Schutzstreifen fährt oder ihn gar mittels Handzeichen zum Linksabbiegen verlassen möchte, muss leider gewärtigen, aggressiv angehupt oder angebrüllt zu werden.

Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass der Schutzstreifen an der Leipziger von Radfahrenden alles andere als gut angenommen wird. Tatsächlich sieht man gerade auf der Leipziger immer wieder Erwachsene und Jugendliche, die auf dem Gehweg radeln – offenbar, weil sie erkannt haben, dass es sich bei den Schutzstreifen in ihrer jetzigen Form leider nur um Suggestivstreifen handelt.

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