Barrierefreies Fulda?

Weit über 500 Personen testeten Fulda aus der Rollstuhlperspektive

Rolli-Challenge Fulda: für Menschen, die normalerweise nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind, bot die Aktion des Vereins Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda vom 25. April bis 6. Juni die Möglichkeit, Fulda mal ganz anders, nämlich aus Rollstuhlperspektive zu erleben und erfühlen. Auch wir von Verkehrswende Fulda wollten das einmal ausprobieren und haben noch kurz vor Torschluss am 3. Juni teilgenommen. Eine ganze Schulklasse in Rollstühlen vor dem Sanitätshaus Keil, das die Rollstühle zur Verfügung stellte, zeigte, wie groß das Interesse war. Tatsächlich hatten am 3. Juni bereits über 530 Personen ausprobiert, wie es ist, mit dem Rollstuhl in Fulda unterwegs zu sein.

Während des Rolli-Challenge waren oft ganze Gruppen von Rollifahrerinnen und -fahrern unterwegs.

Während des Rolli-Challenge waren oft ganze Gruppen von Rollifahrerinnen und -fahrern unterwegs.

Der erste Eindruck: für ungeübte Menschen ist allein das Bergauffahren beispielsweise vom Sanitätshaus Keil in die Friedrichstraße hinein aus rein sportlichen Gründen ein „Challenge“. Wenn dann aber auch noch parkende Autos den Fußweg stark verengen, werden eigentlich unproblematische, von Geschäften aufgestellte Kleiderständer, Tische und Stühle von Cafés und ähnliches zu echten Hindernissen. Der ruhende Verkehr erzeugt dabei nicht nur dann Probleme, wo er erlaubt wird, sondern auch dort, wo speziell als Parkhindernis aufgestellte Ketten das Parken verhindern – denn an diesen Stellen werden die Gehwege natürlich ebenfalls verengt.

Abenteuer: Straße überqueren

Zum echten Abenteuer kann sich mit einem Rollstuhl schon das einfache Überqueren der Straße anfühlen. Das besonders holprige Pflaster, ob im abschüssigen Teil der Friedrichstraße, der in die Robert-Kircher-Straße übergeht, oder bei der Fahrt vom Buttermarkt über die Karlstraße in die Löherstraße hinein, kann leicht zu Situationen führen, in denen es sich anfühlt, als könne der Rollstuhl jeden Augenblick aus dem Gleichgewicht geraten. Selbst da, wo die Bordsteine für Kinderwagen und Rollstühle abgerundet wurden wie an einer Fußgängerampel an der Königstraße, kann es Probleme geben: mein Rollstuhl hob beim Auffahren auf die Rampe vorn ab, da sie zu steil war.

Rollstuhlfahren will gelernt sein: hier gab es Insider-Informationen vom "Rollstuhl-Profi" - der problemlos über den hohen Bordstein kam.

Rollstuhlfahren will gelernt sein: hier gab es Insider-Informationen vom „Rollstuhl-Profi“ – der problemlos über den hohen Bordstein kam.

Hier traf ich allerdings auch auf einen Rollstuhl-Profi, der mit Verweis auf seine gut trainierten Arme darauf aufmerksam machte, dass Rollstuhlfahren gelernt sein will, und demonstrierte, wie man mit dem Rollstuhl auch ohne Hilfe elegant einen Bordstein überwinden kann. Ich erfuhr auch, dass mein Rollstuhl, wäre es denn tatsächlich „meiner“ gewesen, besser auf mich eingestellt sein und vermutlich bei steilen Auffahrten nicht abheben würde – dass ich aber auch ein spezielles Rollstuhltraining durchlaufen hätte und wüsste, dass ich im Fall eines Sturzes auf keinen Fall den Kopf nach hinten nehmen dürfe.

Zugleich dachte ich aber auch an die vielen Menschen, die auf elektrische Rollstühle angewiesen sind und die beispielsweise Stufen oder Bordsteine in keinem Fall überwinden können. Größere Erschütterungen stellen für manche Menschen in solchen Rollstühlen außerdem nicht nur eine Komforteinbuße, sondern auch eine gesundheitliche Gefahr dar.

Fußgängerzone – nur für Menschen ohne Einschränkungen

Gerade da, wo der Straßenbereich der Fußgängerzone besonders holprig sind, blockieren Schilder und anderes die Fußwege.

Gerade da, wo der Straßenbereich der Fußgängerzone besonders holprig sind, blockieren Schilder und anderes die Fußwege.

Deutlich wird bei der Fahrt durch die Fußgängerzone, dass oft kaum daran gedacht wird, dass auch Menschen in Rollstühlen hier unterwegs sind. So werden Anlieferfahrzeuge so nah an Gebäuden oder vorgelagerten Treppen geparkt, dass mit dem Rollstuhl nur knapp ein Durchkommen ist – aber nicht mehr bei entgegenkommendem Fußverkehr. In der Karlstraße sind die ohnehin sehr schmalen Fußwege im unteren Teil, die etwas weniger holprig als die Fahrbahn sind, fast komplett mit Schildern und ähnlichem vollgestellt. Weiter oben waren die Stühle und Tische eines Cafés so platziert, dass ein Rollstuhl nicht durchpasste. Glücklicherweise wird zumindest der obere Teil der Karlstraße bald saniert – aber die Maßnahme bleibt voraussichtlich noch für einige Zeit Stückwerk.

Wer fit genug ist, muss sich dann notfalls auch mal einen Stuhl selbst aus dem Weg räumen - nicht gerade die Idealsituation.

Wer fit genug ist, muss sich dann notfalls auch mal einen Stuhl selbst aus dem Weg räumen – nicht gerade die Idealsituation.

Ein Lichtblick war die Marktstraße, in der ein Mittelstreifen mit relativ glatten Platten ein gutes Fortkommen ermöglicht. Allerdings ist unwahrscheinlich, dass Innenstadtbesucher im Rollstuhl immer auf diesem Streifen bleiben wollen, denn auch sie möchten natürlich einkaufen und Geschäfte oder Restaurants besuchen können. Wer das versucht, kann aber bei vielen Fuldaer Geschäften auf weitere Barrieren stoßen: Stufen vor dem Eingang, die mit dem Rollstuhl nicht oder kaum ohne Hilfe zu überwinden sind – oder, in Restaurants, schlicht und einfach fehlende Toiletten, die für Rollstuhlbenutzende verwendbar wären.

Stufe am Ladeneingang wird zur Falle

So gelang es mir mit Hilfe meiner Begleitperson, in einen Laden mit Stufe hineinzukommen. Im Laden war dann immerhin, wenn auch sehr knapp, genug Platz, um mich tatsächlich umsehen zu können. Beim Verlassen des Ladens hatte ich dann aber vorwitzigerweise versucht, über die Stufe wieder herauszurollen – doch der Rollstuhl verfing sich und blieb in schräger Position stehen. So war ich wieder auf Hilfe angewiesen, um mich aus der misslichen Lage zu befreien.

RolliChallenge_StufenLadeneingang_Detail

Selbst kleine Stufen sind im Zweifelsfall unüberwindliche Hürden.

Positives Fazit der Aktion: es gibt ziemlich viele Menschen in Fulda, die sich für die Situation ihrer auf Rollstühle angewiesenen Mitbürgerinnen und -bürger interessieren. Als weniger gute Einsicht bleibt, dass Fulda in Sachen Rollstuhlfreundlichkeit noch einiges zu lernen hat. Um gute Beispiele auszuzeichnen, verleiht die Interessengemeinschaft barrierefreies Fulda seit Januar 2014 einen Aufkleber für Restaurants, Praxen, Läden und andere Einrichtungen, die rollstuhlgerecht sind. Wer herausfinden möchte, welche Orte bereits ausgezeichnet wurden, kann auf der entsprechenden Seite der Interessengemeinschaft eine Liste herunterladen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Barrierefreiheit, Fußgängerzonen, Fußverkehr, Fulda Innenstadt, Parken in Fulda abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s